Grundlagen

Low-Code vs. No-Code: Der Unterschied für Entscheider

Wann welcher Ansatz? Kosten, Flexibilität und Risiken im Vergleich.

12 min Lesezeit

Low-Code, No-Code, Pro-Code – die Begriffe schwirren durch jedes Meeting. Aber was bedeuten sie eigentlich? Und wichtiger: Welcher Ansatz passt zu Ihrem Unternehmen? Dieser Artikel bringt Klarheit.

Die Definitionen

No-Code

Keine Programmierkenntnisse erforderlich.

No-Code-Plattformen ermöglichen es jedem, Software zu bauen – durch visuelle Interfaces, Drag-and-Drop und vorkonfigurierte Bausteine.

Beispiele:
  • Automatisierung: Zapier, Make.com
  • Websites: Webflow, Wix
  • Apps: Glide, Adalo
  • Datenbanken: Airtable, Notion
  • Formulare: Typeform, Tally

Typischer User:

Marketing-Manager, Operations, Geschäftsführer – Menschen ohne IT-Hintergrund.

Low-Code

Wenig Programmierkenntnisse erforderlich.

Low-Code-Plattformen beschleunigen die Entwicklung durch visuelle Tools, erlauben aber auch Custom Code für komplexe Anforderungen.

Beispiele:
  • Automatisierung: n8n, Power Automate
  • Apps: OutSystems, Mendix
  • Integrationen: Workato, Tray.io
  • Interne Tools: Retool, Appsmith

Typischer User:

Citizen Developer, technisch affine Fachanwender, Entwickler die schneller sein wollen.

Pro-Code (Traditional Coding)

Volle Programmierkenntnisse erforderlich.

Klassische Softwareentwicklung mit Programmiersprachen, IDEs und vollständiger Kontrolle.

Beispiele:
  • Python, JavaScript, Java
  • Custom APIs
  • Enterprise-Systeme

Typischer User:

Software-Entwickler, IT-Abteilung.

Der Vergleich

Übersicht

KriteriumNo-CodeLow-CodePro-Code
LernkurveFlachMittelSteil
FlexibilitätBegrenztHochUnbegrenzt
GeschwindigkeitSehr schnellSchnellLangsam
Kosten (Start)NiedrigMittelHoch
Kosten (Skalierung)Kann teuer werdenMittelNiedrig
WartungEinfachMittelKomplex
Vendor Lock-inHochMittelNiedrig

Detailvergleich

#### Einstiegshürde

No-Code: ⭐ (Stunden bis Tage)
  • Drag-and-Drop Interface
  • Fertige Templates
  • Keine technischen Vorkenntnisse

Low-Code: ⭐⭐⭐ (Tage bis Wochen)
  • Visueller Builder + Code-Optionen
  • API-Verständnis hilfreich
  • Datenmodellierung nötig

Pro-Code: ⭐⭐⭐⭐⭐ (Monate bis Jahre)
  • Programmiersprache lernen
  • Frameworks verstehen
  • DevOps-Kenntnisse

#### Flexibilität

No-Code: 6/10
  • Nur was die Plattform kann
  • Workarounds für Sonderfälle
  • Bei Limits: Sackgasse

Low-Code: 8/10
  • Visuell + Code kombinierbar
  • Die meisten Anforderungen machbar
  • Bei Bedarf: Custom Extensions

Pro-Code: 10/10
  • Alles ist möglich
  • Volle Kontrolle
  • Nur begrenzt durch Können und Zeit

#### Time-to-Market

No-Code: Stunden bis Tage
Idee → Prototype: 2 Stunden

Prototype → MVP: 1-2 Tage

MVP → Live: 1 Woche

Low-Code: Tage bis Wochen
Idee → Prototype: 1 Tag

Prototype → MVP: 1-2 Wochen

MVP → Live: 2-4 Wochen

Pro-Code: Wochen bis Monate
Idee → Prototype: 1-2 Wochen

Prototype → MVP: 1-3 Monate

MVP → Live: 3-6 Monate

#### Total Cost of Ownership

No-Code (Beispiel: Zapier)
Jahr 1:
  • Lizenz: 600€/Jahr
  • Implementierung: 0€ (selbst gemacht)
  • Wartung: 0€
= 600€

Jahr 3:

  • Lizenzen gestiegen: 1.200€/Jahr
  • Mehr Zaps = höherer Plan: 2.400€/Jahr
  • Limits erreicht: Migration nötig?
= 2.400€ + Migrationskosten

Low-Code (Beispiel: n8n Self-Hosted)
Jahr 1:
  • Lizenz: 0€ (Open Source)
  • Server: 600€/Jahr
  • Implementierung: 5.000€
  • Wartung: 1.000€
= 6.600€

Jahr 3:

  • Server: 600€/Jahr
  • Wartung: 1.000€/Jahr
  • Erweiterungen: 2.000€/Jahr
= 3.600€/Jahr (nach Implementierung)

Pro-Code (Custom Solution)
Jahr 1:
  • Entwicklung: 50.000€
  • Infrastruktur: 3.000€
  • Testing: 5.000€
= 58.000€

Jahr 3:

  • Wartung: 10.000€/Jahr
  • Infrastruktur: 3.000€/Jahr
  • Updates: 5.000€/Jahr
= 18.000€/Jahr

Wann was einsetzen?

No-Code ist ideal für:

Prototypen und MVPs

Schnell testen, ob eine Idee funktioniert.

Interne Tools

Dashboards, Formulare, einfache Workflows.

Marketing-Automationen

E-Mail-Sequenzen, Social Media, Lead-Nurturing.

Einfache Integrationen

App A mit App B verbinden.

Einzelpersonen/kleine Teams

Ohne IT-Budget oder Entwickler.

Beispiel:

"Wir wollen neue Blog-Artikel automatisch auf LinkedIn und Twitter posten."

→ Zapier: Fertig in 15 Minuten. Unser Make.com Tutorial zeigt Ihnen, wie das geht.

Low-Code ist ideal für:

Komplexe Workflows

Mehrere Systeme, Bedingungen, Transformationen.

Interne Applikationen

CRM-Ergänzungen, Inventar-Management, Approval-Tools.

Skalierbare Automatisierung

Hohe Volumina, Performance-Anforderungen.

Citizen Developer Programme

Technisch affine Fachanwender enablen.

Mittelstand

Mehr Anforderungen als No-Code, weniger Budget als Pro-Code.

Beispiel:

"Wir wollen Bestellungen aus 3 Shops konsolidieren, mit dem Lager abgleichen, automatisch ans ERP senden und Kunden benachrichtigen."

→ Make.com oder n8n: Fertig in 1-2 Tagen. Starten Sie mit unserem n8n Tutorial für Anfänger.

Pro-Code ist ideal für:

Kernprodukte

Ihre Hauptsoftware, SaaS-Produkte.

Hochkomplexe Anforderungen

Algorithmen, ML, Custom Business Logic.

Höchste Performance

Millionen Transaktionen, Echtzeit.

Vollständige Kontrolle

Keine Abhängigkeit von Plattformen.

Langfristige Investition

Systeme die 10+ Jahre laufen sollen.

Beispiel:

"Wir bauen eine Plattform mit 100.000 Nutzern, Real-time Collaboration und Custom ML-Features."

→ Custom Development: Monate bis Jahre.

Entscheidungsbaum

Brauchen Sie eine Lösung?

├── Ist es ein Kernprodukt / USP?

│ ├── Ja → Pro-Code

│ └── Nein ↓

├── Ist es komplex (>10 Schritte, viele Bedingungen)?

│ ├── Ja → Low-Code

│ └── Nein ↓

├── Haben Sie Entwickler-Ressourcen?

│ ├── Ja → Low-Code oder Pro-Code (je nach Komplexität)

│ └── Nein ↓

├── Ist es zeitkritisch?

│ ├── Ja → No-Code

│ └── Nein ↓

└── Was ist das Budget?

├── Klein (<1.000€) → No-Code

├── Mittel (1.000-20.000€) → Low-Code

└── Groß (>20.000€) → Alle Optionen offen

Die Kombination macht's

In der Praxis ist die Antwort selten "nur No-Code" oder "nur Pro-Code". Die besten Setups kombinieren:

Beispiel: E-Commerce Unternehmen

Pro-Code:

├── Online-Shop (Custom oder Shopify Plus)

├── ERP-System (SAP, Dynamics)

└── Data Warehouse

Low-Code (n8n):

├── ERP ↔ Shop Synchronisation

├── Kundenservice-Automatisierung

├── Reporting-Pipelines

└── Custom Integrationen

No-Code (Zapier/Make):

├── Marketing-Automationen

├── Team-Benachrichtigungen

├── Einfache Workflows

└── Schnelle Prototypen

Beispiel: Agentur

Pro-Code:

└── (Keines – nicht das Kerngeschäft)

Low-Code (Make.com):

├── Client-Reporting automatisieren

├── Projekt-Workflows

├── Tool-Integrationen

└── Daten-Pipelines

No-Code:

├── Notion für Wissensdatenbank

├── Calendly für Termine

├── Typeform für Anfragen

└── Slack-Integrationen

Die Risiken

No-Code Risiken

Vendor Lock-in:

Ihre Workflows leben in der Plattform. Wechsel = Neuaufbau.

Skalierungskosten:

Zapier wird bei hohem Volumen schnell teuer.

Limits:

Irgendwann geht nicht mehr, was Sie brauchen.

Mitigation:
  • Dokumentation der Workflows
  • Exit-Strategie planen
  • Bei kritischen Prozessen: Low-Code erwägen

Low-Code Risiken

Skill Gap:

"Kein Code" heißt nicht "kein Wissen". API, JSON, Logik muss verstanden werden.

Komplexität:

Low-Code-Projekte können genauso unübersichtlich werden wie Code.

Governance:

Wer darf was bauen? Wer wartet es?

Mitigation:
  • Training für Citizen Developers
  • Standards und Guidelines
  • Code Review für kritische Workflows

Pro-Code Risiken

Time & Cost:

Langsam und teuer. Opportunity Cost.

Talent:

Gute Entwickler sind schwer zu finden.

Over-Engineering:

Manchmal wird gebaut, was gekauft werden könnte.

Mitigation:
  • Build vs. Buy Analyse
  • Moderne Frameworks nutzen
  • Nicht alles selbst bauen

Trends 2026

1. AI-Assisted Development

No-Code und Low-Code werden durch KI noch mächtiger:

  • Natural Language → Workflow
  • Automatische Optimierung
  • Intelligent Error Handling

2. Fusion Teams

Entwickler und Fachanwender arbeiten zusammen:

  • Entwickler bauen Bausteine
  • Fachanwender kombinieren sie
  • Gemeinsame Plattformen

3. Enterprise No-Code

Große Unternehmen adoptieren No-Code:

  • Governance-Features
  • Enterprise Security
  • Compliance-Zertifizierungen

4. Composable Enterprise

Alles wird modular:

  • APIs als Bausteine
  • No-Code als Kleber
  • Flexible Architekturen

Weiterführende Artikel

Fazit

No-Code: Schnell, einfach, für jeden. Aber: Limits bei Komplexität und Skalierung. Low-Code: Flexibel, mächtig, für technisch Affine. Aber: Braucht Skills und Governance. Pro-Code: Unbegrenzt, kontrolliert, für Entwickler. Aber: Langsam und teuer.

Die richtige Wahl hängt ab von:

  • Komplexität der Anforderung
  • Verfügbaren Skills
  • Budget
  • Zeitrahmen
  • Langfristiger Bedeutung

Meist ist die Antwort: Eine Kombination aus allen dreien.


Sie wissen nicht, welcher Ansatz für Ihr Projekt der richtige ist? Wir analysieren Ihre Anforderungen und empfehlen den optimalen Mix aus No-Code, Low-Code und Custom Development.

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