Prozessoptimierung

Process Mining: Was es ist und wie Sie starten

Datengetriebene Prozessanalyse erklärt - Tools, Kosten und wann es sich lohnt.

13 min Lesezeit

Process Mining ist einer der spannendsten Trends in der Prozessoptimierung. Aber was verbirgt sich dahinter? Ist es nur ein weiteres Buzzword – oder ein echtes Game-Changer? In diesem Artikel erklären wir, was Process Mining ist, wie es funktioniert und ob es für Ihr Unternehmen relevant ist.

Was ist Process Mining?

Process Mining ist eine Technologie, die automatisch analysiert, wie Prozesse in Ihrem Unternehmen tatsächlich ablaufen – basierend auf Daten aus Ihren IT-Systemen.

Die Idee:

Ihre Software-Systeme (ERP, CRM, etc.) protokollieren jede Aktion. Process Mining nutzt diese Logs, um den echten Prozessablauf zu rekonstruieren und zu visualisieren.

Klassisches Prozessmanagement (z. B. durch Process Mapping):
  • Sie befragen Mitarbeiter: "Wie läuft der Prozess?"
  • Sie bekommen die Theorie (oder was Leute glauben zu tun)
  • Der dokumentierte Prozess ≠ der echte Prozess

Process Mining:
  • Sie analysieren, was tatsächlich passiert ist
  • Basierend auf harten Daten
  • Der echte Prozess wird sichtbar

Wie funktioniert Process Mining?

Die Datenbasis: Event Logs

Jedes IT-System erzeugt Logs. Ein Beispiel aus einem ERP:

TimestampCase IDActivityUser
2024-01-15 09:00:00PO-1234Bestellung angelegtMüller
2024-01-15 09:15:00PO-1234Freigabe angefordertMüller
2024-01-15 14:30:00PO-1234Freigabe erteiltSchmidt
2024-01-16 10:00:00PO-1234Bestellung versendetSystem
2024-01-18 08:00:00PO-1234Ware eingegangenWeber
2024-01-18 09:30:00PO-1234Rechnung gebuchtFischer

Der Algorithmus rekonstruiert den Prozess

Aus tausenden solcher Einträge erkennt Process Mining:

  • Den Standard-Prozess (wie es meist läuft)
  • Varianten (Abweichungen vom Standard)
  • Anomalien (Fehler, Schleifen, Ausnahmen)
  • Durchlaufzeiten (wo dauert es lange?)
  • Engpässe (wo staut es sich?)
  • Visualisierung

    Das Ergebnis ist ein Prozess-Graph:

    [Bestellung anlegen]
    

    [Freigabe nötig?]

    ↙ ↘

    Ja Nein

    ↓ ↓

    [Freigabe [Direkt

    anfragen] versenden]

    ↓ ↓

    [Freigabe ↓

    erteilt] ↓

    ↓ ↓

    [Bestellung versenden] ←——————

    [Wareneingang]

    [Rechnung buchen]

    Plus: Jeder Pfeil zeigt Häufigkeit und Durchlaufzeit.

    Die drei Typen von Process Mining

    1. Discovery (Entdeckung)

    Frage: "Wie läuft der Prozess wirklich?"

    Der Algorithmus rekonstruiert den Prozess aus den Daten – ohne Vorwissen.

    Nutzen:
    • Prozess sichtbar machen
    • Unbekannte Varianten entdecken
    • Realität vs. Dokumentation vergleichen

    2. Conformance Checking (Konformitätsprüfung)

    Frage: "Hält sich der Prozess an die Regeln?"

    Der echte Prozess wird mit dem Soll-Prozess verglichen.

    Nutzen:
    • Compliance-Verstöße finden
    • Prozessabweichungen identifizieren
    • Audit-Vorbereitung

    3. Enhancement (Verbesserung)

    Frage: "Wie kann der Prozess besser werden?"

    Erkenntnisse aus Mining nutzen, um zu optimieren.

    Nutzen:
    • Engpässe beseitigen
    • Automatisierungspotenziale finden
    • Prozesszeiten verkürzen

    Was Process Mining aufdeckt

    Typische Erkenntnisse

    Varianten:

    "Wir haben 47 verschiedene Varianten des Bestellprozesses. Die Top-3 decken 80% ab – aber die anderen 44?"

    Schleifen:

    "23% der Rechnungen werden 3x oder öfter geprüft bevor sie freigegeben werden."

    Wartezeiten:

    "Zwischen Freigabe-Anforderung und Freigabe vergehen durchschnittlich 2,3 Tage. Bei Manager X sind es 5,7 Tage."

    Ausnahmen:

    "15% der Bestellungen überspringen die Freigabe komplett."

    Automatisierungspotenzial:

    "40% aller Aktivitäten sind reine Statusänderungen – automatisierbar."

    Beispiel: Order-to-Cash Prozess

    Erwarteter Prozess:
    

    Auftrag → Lieferung → Rechnung → Zahlung

    (7 Tage)

    Reality laut Process Mining:

    • 35% folgen dem Standard
    • 25% haben 2+ Reklamationsschleifen
    • 20% haben Rechnungskorrekturen
    • 10% haben Mahnungsläufe
    • 10% haben sonstige Abweichungen

    Durchschnittliche Durchlaufzeit: 23 Tage (nicht 7)

    Process Mining Tools

    Enterprise-Lösungen

    ToolPreisStärken
    CelonisAb 50.000€/JahrMarktführer, beste Analysen
    UiPath Process MiningAb 20.000€/JahrRPA-Integration
    SAP SignavioIn S/4HANA inkl.SAP-native
    Microsoft Process AdvisorIn Power PlatformMicrosoft-Ökosystem

    Mittelstands-Lösungen

    ToolPreisStärken
    Minit (by Microsoft)Ab 1.000€/MonatGutes Preis-Leistung
    ApromoreOpen Source + EnterpriseKostenloser Einstieg
    ARIS Process MiningAb 500€/MonatProzessmodellierung inkl.
    Lana LabsAuf AnfrageDeutsche Lösung

    Open Source / Kostenlos

    ToolKostenFür
    ProMKostenlosAkademisch, Forschung
    Apromore CEKostenlosKleine Datensätze
    PM4PyKostenlosPython-Entwickler

    Ist Process Mining für Sie relevant?

    Ja, wenn:

    ✅ Sie haben ERP/CRM-Systeme mit Transaktionsdaten

    ✅ Sie haben >1.000 Prozessinstanzen pro Monat

    ✅ Prozesse laufen über mehrere Systeme/Abteilungen

    ✅ Sie vermuten Ineffizienzen, können sie aber nicht lokalisieren

    ✅ Compliance/Audit ist ein Thema

    ✅ Sie planen RPA/Automatisierung und wollen wissen, wo

    Eher nicht, wenn:

    ❌ Sie haben wenige, einfache Prozesse

    ❌ Ihre Systeme erzeugen keine nutzbaren Logs

    ❌ Weniger als 500 Prozessinstanzen im Jahr

    ❌ Prozesse sind bereits gut dokumentiert und kontrolliert

    ❌ Kein Budget für Enterprise-Tools

    So starten Sie mit Process Mining

    Phase 1: Proof of Concept (4-8 Wochen)

    Schritt 1: Prozess auswählen

    Ideale Kandidaten:

    • Hohe Transaktionsvolumen
    • Verdacht auf Ineffizienz
    • Mehrere Beteiligte/Systeme
    • Gute Datenverfügbarkeit

    Schritt 2: Daten extrahieren

    Typische Quellen:

    • SAP: Tabellen BKPF, VBAK, EKKO, etc.
    • Salesforce: Opportunities, Cases
    • ServiceNow: Incidents, Changes
    • Custom: Datenbank-Logs

    Schritt 3: Event Log erstellen

    Benötigte Felder:

    • Case ID (eindeutige Prozessinstanz)
    • Activity (was passiert)
    • Timestamp (wann)
    • Optional: User, Abteilung, Kosten

    Schritt 4: Analyse durchführen

    Mit Apromore (kostenlos) testen:

  • Event Log hochladen (CSV/XES)
  • Process Map generieren
  • Varianten analysieren
  • Erkenntnisse dokumentieren
  • Phase 2: Pilotprojekt (2-3 Monate)

    Nach erfolgreichem PoC:
  • Tool-Entscheidung treffen
  • Datenanbindung automatisieren
  • Dashboards einrichten
  • Stakeholder schulen
  • Erste Optimierungen umsetzen
  • Phase 3: Skalierung

    • Weitere Prozesse anbinden
    • Continuous Monitoring einrichten
    • RPA/Automatisierung basierend auf Erkenntnissen

    Process Mining + Automatisierung

    Der Zusammenhang

    Process Mining zeigt WO automatisiert werden sollte.

    Automatisierung setzt es um.

    [Process Mining]
    

    "40% der Aktivitäten sind manuelle Dateneingaben"

    "Jede 5. Bestellung erfordert manuelle Nacharbeit"

    "Freigabe-Prozess hat 2 Tage Wartezeit"

    [Automatisierungs-Maßnahmen]

    • API-Integration statt Copy-Paste
    • Validierung am Eingang, nicht am Ende
    • Automatische Freigabe unter Schwellwert

    [Erneutes Process Mining]

    Verbesserung messen

    Beispiel

    Process Mining findet:

    "80% der Rechnungen unter 1.000€ werden ohne Änderung freigegeben. Durchschnittliche Freigabe-Wartezeit: 1,5 Tage."

    Automatisierungs-Lösung:

    Rechnungen < 1.000€ von bekannten Lieferanten → Automatische Freigabe

    Process Mining nach Automatisierung:

    "Durchschnittliche Freigabe-Zeit bei automatisierten Rechnungen: 2 Minuten. Manuelle Rechnungen: Weiterhin 1,5 Tage."

    Kosten-Nutzen-Betrachtung

    Investment

    Enterprise (Celonis/UiPath):
    • Lizenz: 50.000-200.000€/Jahr
    • Implementierung: 50.000-150.000€
    • Wartung: 10-20% der Lizenz

    Mittelstand (Minit/ARIS):
    • Lizenz: 10.000-50.000€/Jahr
    • Implementierung: 10.000-30.000€

    Einstieg (Apromore/PoC):
    • Lizenz: 0-5.000€
    • Interner Aufwand: 40-80 Stunden

    Typischer ROI

    Erfahrungswerte:
    • 15-30% Prozesszeitverkürzung
    • 10-20% Kostenreduktion
    • 50%+ weniger Compliance-Verstöße
    • 3-6 Monate bis Break-even

    Beispielrechnung:
    Betrachteter Prozess: Beschaffung
    

    Volumen: 10.000 Bestellungen/Jahr

    Kosten pro Bestellung: 50€

    Investment Process Mining: 30.000€/Jahr

    Verbesserungen gefunden:

    • 20% weniger Rework: 15€/Bestellung
    • 10% schnellere Durchlaufzeit: 5€/Bestellung
    • Automatisierungspotenzial: 10€/Bestellung

    Einsparung: 30€ × 10.000 = 300.000€/Jahr

    ROI: 900%

    Weiterführende Artikel

    Häufige Fragen

    Welche Daten brauche ich?

    Mindestens: Prozess-ID, Aktivität, Zeitstempel. Besser: + User, Kosten, Attribute.

    Wie viele Datenpunkte brauche ich?

    Empfohlen: 1.000+ Prozessinstanzen für aussagekräftige Analysen.

    Wie lange dauert ein Projekt?

    PoC: 4-8 Wochen. Volles Projekt: 3-6 Monate.

    Brauche ich Entwickler?

    Für den Datenzugang hilfreich. Die Analyse selbst ist meist No-Code.

    DSGVO-Bedenken?

    Ja, relevant. User-Daten anonymisieren/pseudonymisieren.

    Fazit

    Process Mining ist mehr als ein Buzzword. Es ist die datengetriebene Antwort auf "Wie laufen unsere Prozesse wirklich?"

    Für große Unternehmen: Fast unverzichtbar. Die Erkenntnisse sind zu wertvoll. Für den Mittelstand: Selektiv sinnvoll. Bei komplexen, hochvolumigen Prozessen ja. Für kleine Unternehmen: Meist Overkill. Hier reicht oft klassisches Process Mapping.

    Der beste Einstieg: Kostenloser PoC mit Apromore und einem klar definierten Prozess.


    Sie wollen wissen, ob Process Mining für Sie sinnvoll ist? Wir analysieren Ihre Situation und zeigen Ihnen, wo datengetriebene Prozessanalyse den größten Nutzen bringt.

    Sie haben Fragen zur Automatisierung?

    Unsere Experten helfen Ihnen, die richtigen Entscheidungen für Ihr Unternehmen zu treffen.