Prozessoptimierung

Prozessoptimierung: 7 Methoden die sofort Kosten senken

Wertstromanalyse, 5-Why, PDCA und mehr - praktische Methoden mit Beispielen.

13 min Lesezeit

Prozessoptimierung klingt nach Consulting-Buzzword. Ist es aber nicht. Es ist der schnellste Weg, Ihr Unternehmen effizienter zu machen – ohne neue Mitarbeiter, ohne große Investitionen. In diesem Artikel zeigen wir Ihnen 7 bewährte Methoden, die Sie sofort anwenden können.

Was ist Prozessoptimierung?

Prozessoptimierung bedeutet: Bestehende Arbeitsabläufe analysieren und verbessern.

Das Ziel:

  • Weniger Zeit für dieselbe Aufgabe
  • Weniger Fehler im Ablauf
  • Weniger Kosten bei gleichem Output
  • Bessere Qualität für den Kunden

Der Unterschied zur Automatisierung: Prozessoptimierung kommt ZUERST. Einen schlechten Prozess zu automatisieren bedeutet nur, schneller schlechte Ergebnisse zu produzieren.

Die 7 effektivsten Methoden

1. Wertstromanalyse (Value Stream Mapping)

Was ist das?

Sie zeichnen den kompletten Prozess auf – jeden Schritt, jede Wartezeit, jeden Übergabepunkt. Dann unterscheiden Sie:

  • Wertschöpfend: Der Kunde würde dafür bezahlen
  • Notwendig, nicht wertschöpfend: Muss sein, aber kein direkter Wert
  • Verschwendung: Weder Wert noch notwendig

Wie geht das?
  • Prozess von Anfang bis Ende dokumentieren (siehe auch unseren Process Mapping Guide)
  • Zeiten messen (Bearbeitungszeit vs. Wartezeit)
  • Jeden Schritt kategorisieren
  • Verschwendung eliminieren
  • Beispiel: Angebotsstellung
    SchrittZeitWartezeitKategorie
    Anfrage eingeht-2hWarte
    Anfrage lesen5min-Notwendig
    Daten im CRM suchen10min-Verschwendung
    Kalkulation30min-Wertschöpfend
    Genehmigung warten-24hWarte
    Angebot formatieren20min-Notwendig
    Versand2min-Wertschöpfend
    Erkenntnisse:
    • 26h Gesamtdurchlaufzeit
    • Nur 32min echte Arbeit
    • 10min reine Verschwendung (CRM-Suche)
    • 26h Wartezeit = 97% der Zeit

    Quick Win: CRM-Integration automatisieren, Genehmigungsprozess beschleunigen

    2. Die 5-Why-Methode

    Was ist das?

    Bei jedem Problem fragen Sie 5x "Warum?" – bis Sie zur Wurzel kommen.

    Wie geht das?

    Problem: Kunden beschweren sich über späte Lieferungen.

  • Warum kommen Lieferungen zu spät?
  • → Weil der Versand erst nachmittags erfolgt.

  • Warum erfolgt der Versand erst nachmittags?
  • → Weil die Kommissionierung so lange dauert.

  • Warum dauert die Kommissionierung so lange?
  • → Weil Artikel im Lager gesucht werden müssen.

  • Warum müssen Artikel gesucht werden?
  • → Weil die Lagerplätze nicht im System gepflegt sind.

  • Warum sind Lagerplätze nicht gepflegt?
  • → Weil bei Wareneingang keine Einbuchung erfolgt.

    Lösung: Wareneingang-Prozess verbessern – nicht Versandzeiten verlängern.

    3. PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act)

    Was ist das?

    Ein kontinuierlicher Verbesserungszyklus in 4 Schritten.

    Wie geht das? Plan (Planen):
    • Problem identifizieren
    • Daten sammeln
    • Lösung entwickeln
    • Erfolgskriterien definieren

    Do (Umsetzen):
    • Lösung im kleinen Rahmen testen
    • Pilot mit einer Abteilung/Team
    • Dokumentieren was passiert

    Check (Prüfen):
    • Ergebnisse messen
    • Mit Erwartungen vergleichen
    • Was hat funktioniert? Was nicht?

    Act (Handeln):
    • Bei Erfolg: Breit ausrollen
    • Bei Misserfolg: Anpassen und neu starten
    • Standards etablieren

    Beispiel:
    Plan: Support-Tickets sollen in 4h statt 24h beantwortet werden
    

    → Lösung: Vorlagen für häufige Anfragen

    Do: Pilot mit 3 Support-Mitarbeitern, 2 Wochen

    Check: Durchschnittliche Antwortzeit jetzt 6h

    → Besser, aber Ziel nicht erreicht

    → Erkenntnis: 40% der Anfragen passen zu keiner Vorlage

    Act: Vorlagen erweitern, KI-Kategorisierung einführen

    → Neuer PDCA-Zyklus starten

    4. Engpass-Analyse (Theory of Constraints)

    Was ist das?

    Jeder Prozess ist nur so schnell wie sein langsamster Punkt. Finden und eliminieren Sie den Engpass.

    Wie geht das?
  • Identifizieren: Wo staut es sich?
  • Ausnutzen: Engpass maximal auslasten
  • Unterordnen: Alles andere an Engpass anpassen
  • Erweitern: Kapazität des Engpasses erhöhen
  • Wiederholen: Nächsten Engpass finden
  • Beispiel: Kundenservice
    Eingehende Anfragen: 100/Tag
    

    → Level-1-Support: 120/Tag Kapazität ✓

    → Level-2-Support: 40/Tag Kapazität ← ENGPASS

    → Entwickler: 80/Tag Kapazität ✓

    Lösung nicht: Mehr Level-1-Support einstellen Lösung: Level-2 entlasten (Schulungen, Tools, Umverteilung)

    5. Standardisierung (SOPs)

    Was ist das?

    Standard Operating Procedures – jeder macht denselben Prozess auf dieselbe (beste) Weise.

    Warum wichtig?
    • Keine Abhängigkeit von einzelnen Personen
    • Schnellere Einarbeitung
    • Messbare Verbesserung möglich
    • Basis für Automatisierung

    Wie geht das?
  • Besten Mitarbeiter beobachten
  • Seinen Ablauf dokumentieren
  • Mit Team verfeinern
  • Alle trainieren
  • Regelmäßig aktualisieren
  • SOP-Template:
    PROZESS: [Name]
    

    VERSION: [1.0]

    LETZTE AKTUALISIERUNG: [Datum]

    VERANTWORTLICH: [Name]

    ZIEL:

    Was soll am Ende erreicht sein?

    VORAUSSETZUNGEN:

    Was muss vorher erledigt sein?

    SCHRITTE:

  • [Konkrete Anweisung]
  • → System: [Welches Tool]

    → Screenshot/Beispiel falls nötig

  • [Konkrete Anweisung]
  • ...

    AUSNAHMEN:

    Wenn X, dann Y statt Z.

    ERFOLGSKRITERIEN:

    Woran erkenne ich, dass es richtig ist?

    HÄUFIGE FEHLER:

    • Fehler 1: So vermeiden
    • Fehler 2: So vermeiden

    6. Eliminieren der 8 Verschwendungsarten (Lean)

    Was ist das?

    Lean Manufacturing identifiziert 8 Arten von Verschwendung. Die lassen sich auf jeden Büroprozess übertragen.

    VerschwendungProduktionBüro
    TransportMaterial bewegenDokumente weiterleiten
    InventarLagerbestandUnbearbeitete E-Mails
    BewegungLaufwegeZwischen Systemen wechseln
    WartenMaschine stehtAuf Genehmigung warten
    ÜberproduktionZu viel produzierenBerichte die keiner liest
    ÜberbearbeitungZu hohe QualitätPerfektionismus
    DefekteAusschussFehler korrigieren
    TalentFähigkeiten ungenutztExperten machen Routine
    Quick-Check für Ihren Prozess:
    Werden Informationen mehrfach weitergeleitet?
    Gibt es Rückstände/Warteschlangen?
    Wechseln Mitarbeiter zwischen vielen Systemen?
    Warten Aufgaben auf Genehmigungen?
    Werden Berichte/Reports erstellt die keiner nutzt?
    Wird nachgearbeitet/korrigiert?
    Machen überqualifizierte Mitarbeiter Routinetasks?

    7. Automatisierung (als letzter Schritt)

    Was ist das?

    Erst nachdem Sie optimiert haben, automatisieren Sie den verbesserten Prozess.

    Warum zuletzt?
    • Automatisierter Murks = schneller Murks
    • Erst verstehen, dann automatisieren
    • Optimierter Prozess ist einfacher zu automatisieren

    Was automatisieren?
    AutomatisierenNicht automatisieren
    RegelbasiertKreative Entscheidungen
    RepetitivEinmalige Aufgaben
    ZeitintensivBereits schnell
    FehleranfälligFunktioniert zuverlässig
    DatentransferKomplexe Urteile

    Prozessoptimierung in der Praxis: Ein Beispiel

    Ausgangssituation: Reisekostenabrechnung

    Aktueller Prozess:

  • Mitarbeiter sammelt Belege (physisch)
  • Mitarbeiter füllt Excel-Formular aus
  • Mitarbeiter druckt und unterschreibt
  • Mitarbeiter gibt ab bei Vorgesetztem
  • Vorgesetzter prüft und unterschreibt
  • Dokument geht an Buchhaltung
  • Buchhaltung prüft Belege einzeln
  • Buchhaltung tippt in System
  • Freigabe durch Finance
  • Überweisung
  • Probleme:
    • Durchlaufzeit: 3 Wochen
    • Fehlerquote: 40% (falsche Beträge, fehlende Belege)
    • Zeitaufwand: 45 Minuten pro Abrechnung

    Nach Optimierung:
  • ~~Mitarbeiter sammelt Belege (physisch)~~ → App fotografiert Belege
  • ~~Mitarbeiter füllt Excel-Formular aus~~ → App extrahiert Daten per OCR
  • ~~Mitarbeiter druckt und unterschreibt~~ → Digitale Bestätigung
  • ~~Mitarbeiter gibt ab bei Vorgesetztem~~ → Automatische Weiterleitung
  • Vorgesetzter prüft und genehmigt (digital, 2 Klicks)
  • ~~Dokument geht an Buchhaltung~~ → Automatisch
  • ~~Buchhaltung prüft Belege einzeln~~ → KI-Vorprüfung, nur Ausnahmen manuell
  • ~~Buchhaltung tippt in System~~ → Automatischer Import
  • ~~Freigabe durch Finance~~ → Regelbasiert automatisch bis Schwellwert
  • Überweisung (automatisch am Monatsende)
  • Ergebnis:
    • Durchlaufzeit: 3 Tage
    • Fehlerquote: 5%
    • Zeitaufwand: 5 Minuten pro Abrechnung

    Quick Wins: Morgen starten

    Heute noch umsetzbar:

  • E-Mail-Templates anlegen für häufige Antworten
  • Eine Genehmigungsstufe entfernen wo möglich
  • Checkliste erstellen für fehleranfällige Prozesse
  • Doppelarbeit identifizieren und eliminieren
  • Diese Woche:

  • Einen Prozess dokumentieren (IST-Zustand)
  • Wartezeiten messen in Ihrem Hauptprozess
  • Team fragen: "Was nervt am meisten?"
  • Einen Engpass identifizieren und adressieren
  • Diesen Monat:

  • Wertstromanalyse für Top-3-Prozesse
  • SOPs erstellen für kritische Abläufe
  • Automatisierungspotenziale identifizieren
  • Pilotprojekt starten für einen optimierten Prozess
  • Typische Fehler bei der Prozessoptimierung

    1. Zu viel auf einmal

    Besser: Ein Prozess, eine Verbesserung, dann nächster Schritt.

    2. Ohne Daten optimieren

    Besser: Erst messen, dann verbessern, dann wieder messen.

    3. Die Falschen fragen

    Besser: Mit den Ausführenden sprechen, nicht nur Management.

    4. Lösung suchen bevor Problem verstanden

    Besser: 5-Why-Methode, Ursache finden.

    5. Optimierung als einmaliges Projekt

    Besser: Kontinuierliche Verbesserung, PDCA als Routine.

    Weiterführende Artikel

    Fazit

    Prozessoptimierung ist keine Raketenwissenschaft. Es ist systematisches Hinsehen, Fragen stellen und Verbessern. Die größten Gewinne liegen oft im Offensichtlichen:

    • Wartezeiten eliminieren
    • Doppelarbeit vermeiden
    • Standards etablieren
    • Dann erst automatisieren

    Gerade für den Mittelstand bietet systematische Prozessoptimierung im Rahmen der digitalen Transformation enorme Chancen. Starten Sie mit einem Prozess. Heute. Nicht perfekt, aber starten.

    Häufige Fragen

    Was ist der Unterschied zwischen Prozessoptimierung und Prozessautomatisierung?

    Prozessoptimierung verbessert bestehende Ablaeufe -- weniger Schritte, weniger Wartezeiten, weniger Fehler. Prozessautomatisierung ersetzt manuelle Schritte durch Software. Idealerweise optimieren Sie zuerst den Prozess und automatisieren dann den optimierten Ablauf.

    Welche Methode der Prozessoptimierung ist die beste?

    Das haengt von Ihrem Ziel ab. Lean ist ideal fuer Verschwendungsreduzierung, Six Sigma fuer Fehlerminimierung, Kaizen fuer kontinuierliche Verbesserung. Fuer die meisten KMU empfehlen wir einen pragmatischen Mix aus Lean und Automatisierung.

    Wie lange dauert ein Prozessoptimierungsprojekt?

    Ein einzelner Prozess kann in 2-4 Wochen analysiert und optimiert werden. Eine umfassende Prozesslandschaft dauert 2-3 Monate. Quick Wins lassen sich oft schon in der ersten Woche identifizieren und umsetzen.

    Was kostet Prozessoptimierung?

    Eine initiale Prozessanalyse startet ab ca. 2.000 EUR. Die Umsetzung inklusive Automatisierung liegt typischerweise bei 5.000-15.000 EUR je nach Komplexitaet. Der ROI liegt meist bei 3-6 Monaten.

    Kann ich Prozessoptimierung selbst durchfuehren?

    Grundlegende Optimierungen ja -- starten Sie mit Prozess-Mapping und identifizieren Sie offensichtliche Engpaesse. Fuer systematische Optimierung mit messbaren Ergebnissen empfehlen wir externe Unterstuetzung, da ein frischer Blick oft versteckte Ineffizienzen aufdeckt.


    Sie wollen Ihre Prozesse systematisch optimieren? Wir helfen Ihnen, die größten Hebel zu identifizieren und umzusetzen – vom Quick Win bis zur vollständigen Automatisierung.

    Sie haben Fragen zur Automatisierung?

    Unsere Experten helfen Ihnen, die richtigen Entscheidungen für Ihr Unternehmen zu treffen.